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In Zeiten der Pandemie: ein Flughafen, vier Geschichten

Triggerwarnung: Wenn Sie behördliche Gewalt z.B. im Rahmen einer Abschiebung erfahren haben, kann es sein, dass sie durch den Text „Morgens um halb drei“ an diese schlimmen Erlebnisse erinnert werden....

Solveigh DeutschmannSolveigh Deutschmann hat täglich mit zugewanderten Menschen zu tun, die Deutschland (wieder) verlassen wollen oder müssen. Als Referentin für Perspektiv- und Rückkehrberatung beim Diakonischen Werk Schleswig-Holstein arbeitet sie mit jedem ratsuchenden Menschen an einer individuellen Lebensperspektive. In ihrer Arbeit spielen Flughäfen als Schauplätze eine große Rolle. Besonders in Zeiten der Pandemie spiegeln diese Orte die unterschiedlichen Realitäten gesellschaftlicher Gruppen noch einmal deutlicher wider.

Für unseren Blog hat Solveigh Deutschmann vier ganz unterschiedliche Szenarien am Flughafen aufgeschrieben. Eines der Szenarien hat sich tatsächlich so abgespielt. Die Auflösung kommt am Ende.

 

Urlaubsglück

S. und ihr Freund träumen schon so lange davon, endlich mal wieder in den Urlaub zu fliegen. Beide sind in Vollzeit beschäftigt. Sie möchten gerne in die Wärme und sich im Hotel bei Halbpension von der Arbeit erholen. Am liebsten soll es in die Karibik gehen.

Beide sind so froh, dass viele günstige Angebote im Netz zu finden sind und buchen 14 Tage Kuba. Sie empfinden die Einreisebestimmungen für Kuba unproblematisch und können den Bestimmungen gut folgen. Angekommen im Urlaubsland, war der Start etwas schwierig. Sie hatten überlesen, dass sie sich die 14 Tage nur im Hotel aufhalten sollten. Damit konnten sie sich aber schnell anfreunden, da die Hotelanlage alles angeboten hat, was ihren Urlaub schön und entspannt „aushalten“ ließ. So haben auch die allgemeinen Corona-Regeln in Kuba ihre Berücksichtigung gefunden.

 

In Eile zurück

Eine Familie hatte es eilig: Die Eltern und die beiden Kinder waren noch gar nicht so lange in Deutschland. Aber nur hier gab es eine adäquate ärztliche Behandlungsmöglichkeit für ihre Kleinste. Der Vater schaute noch einmal nervös alle Papiere durch, die Mutter hatte genug damit zu tun, die beiden Kinder und das Gepäck zu händeln. Wo war jetzt noch der Corona-Test? – Die Eltern waren beide schon negativ getestet worden. Es musste jetzt schnell gehen, denn sie durften den Flieger in ihr Herkunftsland nicht verpassen. Denn Opa war gestorben und keine*r durfte die Beerdigung verpassen!

 

Die Opernsängerin

Frau Q. war ihren Fans nur als die „goldene Stimme“ bekannt. Ihre Fangemeinde setzte sich zumeist aus Menschen der näheren Umgebung der Stadt zusammen. Aber sie waren treue Fans, was Q. jedes Mal zu spüren bekam, wenn die Lokalpresse mit einer kurzen Notiz von ihrer bevorstehenden Ankunft schrieb.

Seit Stunden hatten die Fans nun schon auf Frau Q. gewartet. Überhaupt durften diese nur mit einem Zertifikat einer Negativtestung ins Gebäude – alle anderen mussten draußen vor dem Terminal warten. Als Frau Q. endlich durch die Tür in die Ankunftshalle eilte, ging ein Aufschreien durch die Menge und es bildete sich schnell eine Gasse. Der Jubel wollte gar nicht enden und ein wenig konnte Frau Q. das Bad in der Menge auch genießen – sie blieb kurz stehen und lächelte.

 

Morgens um halb drei

Alle waren früh ins Bett gegangen, da alle Mitglieder der fünfköpfigen Familie sehr erschöpft waren. Als es mitten in der Nacht an der Haustür klingelte, wurde der Vater noch halb im Schlaf von den Beamt*innen gebeten, schnell die wichtigsten Sachen zu packen. Da die ganze Familie nun gezwungen wird, in ihr Herkunftsland zurück zu fliegen. Nach ca. 30 Minuten saßen alle in einem dunkelgrauen Bulli. Der Jüngste hatte gerade noch seinen Teddy greifen können, bevor er von der Wohnung ins Fahrzeug „gehoben“ wurde.

Eine traurige Stimmung ging durch den Bus, als dieser auf die Gerade zum Terminal des Flughafens einbog …

Wenig später saß ein kleiner brauner Teddy allein auf der Rückbank im Bulli.

 

Alle Geschichten stellen realistische Szenarien an Flughäfen in der Corona-Zeit dar. Während die ersten drei Geschichten in Anlehnung an Berichte in Zeitungen und Fernsehen erfunden sind, hat sich die Situation der fünfköpfigen Familie tatsächlich so abgespielt.

Solveigh Deutschmann beschäftigt sich in ihrer Arbeit unter anderem mit dem Abschiebungsmonitoring am Hamburger Flughafen. Im Fokus der Beobachtung stehen die Wahrung humanitärer Mindeststandards und die Sicherstellung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit. Als Mitglied im Begleitgremium wertet Deutschmann die Berichte der Beobachtung aus und arbeitet problematische Vorkommnisse auf. Die Ergebnisse erscheinen jährlich in Form eines öffentlichen Tätigkeitsberichts. Hier finden Sie den Bericht von 2019/2020.

 

 

Beitragsbild: Pixabay


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